Katalog

Alle Werke (475)
75
Dichgans, Christa
(Berlin 1940 - lebt in Berlin)
Die Suppe. Aquatec auf Leinwand. 1977. 140 x 100 cm. Gerahmt.
Signiert u. datiert. Verso signiert, datiert, betitelt, mit Maßangaben sowie einem Etikett der Galerie Springer, Berlin, versehen.

Christa Dichgans zählt zu den wichtigsten deutschen Protagonistinnen der Pop Art und ist insbesondere für ihr Frühwerk aus den 1960er und 1970er Jahren bekannt. "Mit obsessiver, geradezu pedantischer Akribie malt sie das Strandgut unseres Lebens und verteilt diese apokalyptische Flut gleichmäßig über das Bild wie ein ornamentales Muster. [...] Dichgans' Malerei durchzieht unter anderem eine stetige Befragung des Massenkonsums, der sich im Laufe der Zeit wandelt und von einer stark materiell orientierten Konsumhaltung der Nachkriegszeit in einen von Markenbewusstsein und deren Symbolgehalt geprägten Konsum der 1980er und 1990er Jahre mündet. Ihre Motive, die immer aus ihrer unmittelbaren Umgebung entstammen, erinnern an Vanitas-Stillleben und werden zu Symbolen für die Halbwertszeit einer beschleunigten Kultur. Dabei geht es in Dichgans' Kompositionen weniger um den Überfluss als vielmehr um die surreale Verzerrung und überspitzte Sinnentleerung von Masse und Ansammlung. [...] Die Objekte ihrer Stillleben deuten auf mögliche Abgründe oder die Absenz von potentiellen Eigentümern hin." (Kestnergesellschaft. Christa Dichgans. Kein Stillleben, 2018). - Christa Dichgans studierte von 1960 bis 1965 Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin. Ein DAAD-Stipendium ermöglichte ihr einen Aufenthalt in New York in den Jahren 1966 und 1967. 1971 erhielt sie ein Stipendium in der Villa Romana in Florenz. Mit der Ausstellung »Kein Stillleben« in der Kestner Gesellschaft, Hannover, erfuhr ihr Werk eine erste tiefgreifende Auseinandersetzung und umfassende institutionelle Würdigung. - Die untere Bildkante mit einer leichten Kratzspur.
Schätzpreis: 9.000 €
88
Ehmsen, Heinrich
(Kiel 1886 - 1964 Berlin)
Im Hafen (auch: Armenier in Batum). Öl auf Malpappe. 1932/34. 65 x 49 cm. Gerahmt.
Verso signiert, datiert (zweifach), betitelt u. mit der Werknummer "G 198" bezeichnet.

Die Rahmenrückwand mit Widmung von Lis Bertram-Ehmsen an den Maler Horst Zickelbein vom 13.III.72. - Ausgestellt und abgebildet in: 1 Jahr Galerie Henning. Halle, Galerie Henning, 1948, Abbildung Nr. 9, dort bezeichnet "Im Hafen". - Als streitbarer, urwüchsiger Künstler befand sich Heinrich Ehmsen zeitlebens im Zentrum des Geschehens. Sein Werdegang zeigt seinen Einsatz für die Kunst: Vom Malergesellen bildete er sich auf der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf bei Peter Behrens weiter, hungerte in Paris im Umkreis des Café du Dôme, ging 1911 nach München und schloss sich dem Blauen Reiter an, stellte 1913 im Ersten Deutschen Herbstsalon von Herwarth Waldens Galerie "Der Sturm" aus, gehörte zur Novembergruppe und zum "Kampfkomitee für Künstler und Geistesarbeiter" und wurde in der Ausstellung "Entartete Kunst" diffamiert. Er überlebte Gestapohaft, beide Kriege und beteiligte sich am Aufbau der Kunstakademien West wie Ost. - Seine Kunst "vermittelt uns die Bekanntschaft eines außerordentlich starken und originellen expressionistisch gerichteten Kunsttalents. Heftige Empfindungen eines kräftigen Temperaments, dem es vergönnt ist, den Pulsschlag einer stürmisch aufgeregten Zeit intensiv zu fühlen, in glühende Farben zu tauchen und sprechendes Bild werden zu lassen. Das Individuelle, Subjektive, das, wie es scheint, kraft unwillkürlicher Inspiration Geschaffene ist der wesentlichste Zug seiner Kunst." (Bayerischer Königsbote, 27. November 1920) Aufgrund seiner Erlebnisse in diesen umkämpften Zeiten zeigten seine Motive häufig eher die dunkle Seite der Gesellschaft wie Krieg, Zerstörung, Not, Wahnsinn, Hunger oder Tod - er sah die menschlichen Abgründe und hielt sie kompositorisch sachlich, nüchtern und wahrheitsgemäß fest, aber in den Farben zeigte er seine Vitalität, Vielfalt und Kreativität. - "Er hat das gährende Paris der Jahre, in denen das Erbe des Impressionismus vergeudet wurde, aus langem Studienaufenthalt gekannt; es ist, als hätten damals empfangene Keime in diesem umdüsterten Künstlertum erst jetzt zu blühen begonnen. Zu einer dem Geschmack schmeichelnden Dekoration wird diese Freude an der Farbe allerdings nicht; körperliches und seelisches Dasein behalten ihr Recht." (H. Tietze in: Der Kunstwanderer, Heft 1/2, Februar 1930, S. 220f) - Durch sein sozialkritisches Engagement stand er im Kulturkampf der 30er Jahre der KPD nahe. 1932 erhielt er eine Einzelausstellung im Staatlichen Museum für neue westliche Kunst in Moskau. Dies führte zu einem neunmonatigen Studienaufenthalt in der UDSSR mit Reisen auf die Krim und nach Transkaukasien, wo vermutlich das vorliegende Bild entstand. Es zeigt in dunkler Silhouette - einem angedeuteten Straßenzug - organisch eingefasst, zwei beige-weiß gekleidete Männer, vermutlich Hafenarbeiter, mit farbigen Hüftgurten sowie Kosakenmützen über weißen Bärten. Es ist jedoch die ungewöhnliche und ausufernde Farbgebung, die dieses Reisebildnis zu einer Besonderheit macht, denn diese Farben kennen keine Grenzen mehr und führen ein Eigenleben. Sind die Männer noch zu erkennen, so läuft und entgrenzt sich darüber hinaus die Farbe von den Objekten. Rote und violette Flächen ergänzen sich, stehen einem tiefen Blau entgegen, das wiederum von verschiedenen getupften Grüntönen überlagert wird. In einem gewaltigen Farbenrausch erlebt Ehmsen diese schlichte Szene, werden die Farben zu einem emotionsgeladenen Sinnbild der georgischen Hafenstadt und der Reise durch die Sowjetunion. - Kleine Farbverluste.
Schätzpreis: 4.000 €