Alle Werke (500)
55
Beckmann, Max
(Leipzig 1884 - 1950 New York)
Brandung, Kleine Marine. Öl auf Leinwand. 1925/26. 48,9 x 55,5 cm. Gerahmt.
Der Rahmen verso mit zwei Etiketten des Graphischen Kabinetts Günther Franke, München, bzw. der Galerie Günther Franke, München, sowie ein Ausstellungsetikett, dort typografisch bezeichnet "Slg. Erika Huetlin".

Göpel 252, Tafel 90 - Provenienz: I.B. Neumann, New York (direkt vom Künstler erworben); Bernard Raymond, New York; I.B. Neumann, New York (1930); Günther Franke, München (bis mindestens 1946); Erika Huetlin, München (1959); Christa Maul (geb. Franke), München (erworben 1965), seitdem in Familienbesitz. - Ausgestellt in: I. Allgemeine Kunstausstellung. München, Glaspalast, 1926, Nr. 2016; Max Beckmann, Art lover. New York, I.B. Neumann, 1927, Nr. 12; Modern German Art. New York, S.P.R. Galleries, 1930; München, Galerie Günther Franke, 1946, Nr. 70; Max Beckmann. Frankfurt am Main, Städelsches Kunstinstitut, 1947, Nr. 14; Max Beckmann. Hannover, Kestner-Gesellschaft, 1949, Nr. 12; Max Beckmann. Bilder der Sammlung Günther Franke. Stuttgart, Württembergische Staatsgalerie, 1950-51; München, Galerie Günther Franke, 1951, Nr. 7; Max Beckmann. Gemälde und Graphiken aus der Sammlung Günther Franke München. Essen, Museum Folkwang, 1951, Nr. 8; Max Beckmann. Werke der Frühzeit. München, Galerie Günther Franke und Berlin, Schloss Charlottenburg, 1951, Nr. 45; Max Beckmann - Mensch und Maler. Gemälde und Graphiken aus der Sammlung Günther Franke München. Freiburg, Kunstverein, 1952, Nr. 8; Max Beckmann (1884-1950). Zürich, Kunsthaus, 1955, Nr. 24; Ausstellung Max Beckmann. Basel, Kunsthalle, 1956, Nr. 20; Max Beckmann. Den Haag, Gemeente Museum, 1956, Nr. 17; Max Beckmann. Gemälde, Zeichnungen, Graphik. Sammlung Günther Franke. Köln, Wallraf-Richartz-Museum und Kölnischer Kunstverein, 1959, Nr. 8; Sammlung Günther Franke. München, Städtische Galerie, 1960, Nr. 15; Max Beckmann. Sammlung Günther Franke. Lübeck, Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt, 1961; Max Beckmann. Frankfurt 1915-1933. Frankfurt, Städtische Galerie im Städelschen Kunstinstitut, 1983-84, Nr. 47; Max Beckmann. Landschaft als Fremde. Hamburg, Kunsthalle u.a., 1998-99, Nr. 15; Seestücke. Von Max Beckmann bis Gerhard Richter. Hamburg, Kunsthalle, 2007, Nr. 1; Max Beckmann. Die Landschaften. Basel, Kunstmuseum, 2011, Nr. 15. - Literatur: Heinrich Simon, Max Beckmann, Berlin 1930, Abb. 9; Philippe Soupault, Max Beckmann, in: La Renaissance de l'art francais, 1931, S. 100; Lothar-Günther Buchheim, Max Beckmann, Feldafing 1959, Nr. 26. - An seinen Galeristen I. B. Neumann in New York schreibt Max Beckmann aus Frankfurt am Main am 26. Januar 1926: "Ich arbeite rasend und ununterbrochen. Eine Anzahl kleiner Bilder Marinen etc. (auch verkäuflich) sind fertig. [...] Meine Form ist dauernd in Weiterentwicklung zu größter Einfachheit und Klarheit. Es ist mir vollkommen klar und bewußt, daß ich zur Zeit am äußersten Ende der Entwicklung der Malerei stehe und (wahrscheinlich) immer stehen werde. - Ich bin durch die Natur (und nicht durch die Antike) zu einer neuen Form der Zusammenfassung des Wesentlichen gekommen [...]." (Max Beckmann und J. B Neumann. Der Künstler und sein Händler in Briefen und Dokumenten, Köln 2011, S. 119) Wir wissen nicht, ob Beckmann die in seiner Kladde für den "15. 11. 25 angefangen 2. 3. 26 beendet I. B." notierte "Brandung" gegenüber Neumann, seinem Galeristen, an anderer Stelle erwähnt. Mit ihm schließt er im Juli 1925 einen Exklusivvertrag ab, geltend ab April 1926 für fünf Jahre. I. B. Neumann, der 1923 nach erfolgreichen Jahren in Berlin, Bremen und München seine Galerie in New York gründet, übernimmt das Gemälde tatsächlich, aber wohl erst nachdem das Bild in München mit der I. Allgemeinen Kunstausstellung im Glaspalast vom 1. Juni bis Oktober 1926 (Katalog-Nr. 2106) veröffentlicht ist. Jedenfalls präsentiert Neumann die "Brandung" mit weiteren 24 Bildern in der ersten Beckmann-Einzelausstellung in den Staaten im April 1927 in seiner Galerie "New Art Circle" in der 57th Street East in New York. "Brandung, Kleine Marine" ist ein besonders auffälliges und für Beckmann Mitte der 1920er Jahre ein charakteristisches Bild. Mit Beginn der Frankfurter Jahre entfernt sich der Künstler von einer zwischen impressionistisch und expressionistisch pendelnden Malerei und reduziert auch jene bisweilen überbordende Farbigkeit. Im Gegenzug entwickelt Beckmann eine nahezu skulpturale Plastizität; der inzwischen arrivierte, seit 1925 an der Städelschule lehrende Künstler baut förmlich die Motive und akzentuiert die gewonnene Künstlichkeit mit einer eher zurückgenommenen Farbpalette. Diese Formen betonende Malerei lässt Beckmann zu einem der Vertreter des neuen Naturalismus avancieren, dessen Tendenz Gustav Friedrich Hartlaub, Direktor der Mannheimer Kunsthalle, mit seiner stilprägenden Ausstellung "Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus" im Juni 1925 ein erstes Podium gibt. Für die kunstaffinen Besucher muss es damals überraschend gewesen sein, Gemälde von Beckmann neben den Werken von Otto Dix, George Grosz, Alexander Kanoldt oder Georg Schrimpf zu entdecken, deren malerische Tendenz der Kunstkritiker und Künstler Franz Roh in seiner Publikation "Nachexpressionismus. Magischer Realismus. Probleme der neuesten europäischen Malerei" kurz zuvor vorausahnend publiziert und neben den Deutschen ebenso Künstler wie Pablo Picasso, André Derain oder Giorgio de Chirico berücksichtigt. Nicht nur für Max Beckmann ist die Weiterentwicklung "zu großer Einfachheit und Klarheit" ein Ziel, das, wie es Hartlaub in seinem Vorwort zur Ausstellung formuliert, "an sich [ein] rein äußerliches - Merkmal der Gegenständlichkeit" aufweist. Das Motiv dieser Küstenlandschaft an einem vielleicht grauen Sommertag mag diesen Eindruck begünstigen. Beckmann sucht gerade in der gewählten, leicht aufsichtigen Frontalität dieser Strand- und Meerlandschaft, der stillebenhaften Zusammenstellung von unterschiedlich geformten Wellenbrechern, zum Trocknen aufgehängten Fischernetzen und von der Gischt der Wellen umspülten Fischreuse das ordnende Gleichgewicht zwischen fest aufgetürmtem Granitblöcken und dem kraftgewaltig bewegten Meer. Das auflaufende, endlos wiederkehrende Ereignis der an den Felssteinen anschlagenden Wellenkämme, das zerstobende, in den Himmel zischende Wasser zwängt Beckmann ausrichtend zwischen den gleichförmigen Wellenbögen und dem hinter einem mit Stahlplatten und -riemen befestigten, energisch vorgetragenen, molenartigen Bollwerk liegenden Sandstrand. Dieses kaiartige Konstrukt trifft weit hinten auf die Linie des Horizonts mit zwei in der Weite des Meeres steamenden Dampfern. Der gleichsam mit den Augen Henri Rousseaus inszenierte, lautlose Blick Beckmanns auf das tosende Schauspiel zwischen Meer und Strand fasziniert wegen seines Reichtums an miteinander konkurrierenden Formen und Linien. In dem überstiegenen Realismus auf engstem Raum erzeugt der Künstler eine besondere, nahezu groteske Bildwirkung von außerordentlicher Vitalität. Beckmann liebt das Meer, "für ihn ein Symbol der Ewigkeit", so Mathilde Q. Beckmann bewundernd in ihren Erinnerungen "Mein Leben mit Max Beckmann" (München 1985, S. 17). Erste Gemälde entstehen Mitte der 1. Dekade des 20. Jahrhunderts. Es sind dies unmittelbare Blicke auf das Meer, es folgen der Blick aus dem Hotelzimmer mit leicht geöffneten Fensterflügeln, Meereslandschaften mit auf Sand liegenden Fischerbooten oder badende Figuren mit aufgeladenen Geschichten und rätselhaften Bezügen. Szenen, die zwischen Erlebnissen vor Ort oder der überbordenden Phantasie des Künstlers auszumachen sind und in seinem Atelier in Frankfurt in Erinnerung ihre Form auf der Leinwand finden. Beckmann reist gerne und viel; die Hochzeitsreise mit seiner zweiten Frau Mathilde von Kaulbach, genannt Quappi, die Tochter des Münchner Porträt- und Historienmalers Friedrich August von Kaulbach, führt ihn im September 1925 unter anderem über Rom nach Neapel und Viareggio. Die Strandpromenaden etwa des Holländischen Seebads Schevenigen haben von Frankfurt nicht die Distanz einer Weltreise und sind gut zu erreichen, ebenso später, ab den 1930er Jahren, die Côte d'Azur: Monte Carlo, Monaco, Cannes oder Nizza sind Orte, die als Motiv in Beckmanns Gemälden und Arbeiten auf Papier breite und bleibende Verehrung erfahren. Nicht sogleich finden Reiseeindrücke gemalten Niederschlag, kann man diese fast traumhafte Meereslandschaft "Brandung. Kleine Marine" kaum mit einer der Reisen an die Nordsee, an die Adria oder das Mittelmeer in lokale Verbindung bringen. Lothar-Günther Buchheim allerdings verortet das Gemälde entschieden an die Toskanische Küste und bildet in seiner Monographie zu Max Beckmann 1959 die "Kleine Marine" mit dem Zusatz "Viareggio" aus der Sammlung Erika Huetlin ab (Abb. 26). Viel später, ab 1937, Beckmann ist mit Quappi 'gefangen' in dem selbst gewählten Exil Amsterdam, kann er mit der Annexion Frankreichs nicht mehr an seine geliebte Côte d'Azur reisen. Er stillt seine Reiselust in Gemälden nach Motiven früher erworbener Postkarten, nicht zuletzt, um seinem 'Gefängnis' die Aura von freier Begierde zu geben. Die Dichte der außergewöhnlichen Provenienz dieses geheimnisvollen Gemäldes ist noch nicht zu Ende erzählt: Nach Amerikanischem Privatbesitz übernimmt I. B. Neumann die "Brandung" erneut in seine New Yorker Galerie und übergibt das Gemälde anlässlich der ersten größeren Ausstellung Beckmanns nach dem Krieg in München ab Juni 1946 an seinen ehemaligen Geschäftsführer und Partner Günther Franke, der das 1920 in München gegründete Graphische Kabinett für Neumann bis 1933 führt und ab 1937 selbstständig als Galerie Günther Franke firmiert. 1959 übernimmt Erika Huetlin, seit 1925 Mitarbeiterin von Günther Franke, die "Kleine Marine". Nach deren Tod 1965 wechselt das Gemälde in den Besitz von Christa Maul, geborene Franke und Tochter des Galeristen, und verbleibt in der nachkommenden Familie. I. B. Neumann, mehr noch Günther Franke, sind vom ersten Tag ihrer Begegnung begeistert von Max Beckmann, von der Persönlichkeit und seiner aussagekräftigen Kunst; sie stehen für ihn und sein Werk auch über dessen Tod 1950 in New York hinaus. "Brandung" ist ein auffälliges Gemälde, so anders als die ersten Frankfurter Stadtlandschaften wie "Der eiserne Steg" von 1922 (Kunstsammlung NRW) oder die Porträts seiner neu gewonnenen Bekannten und Freunde in der dortigen Gesellschaft wie "Frau Swarzensky und Carola Netter", geeint im Doppelporträt von 1923 (Städelsches Kunstinstitut). Mit dieser "Brandung, Kleine Marine" ist Beckmann "zu einer neuen Form der Zusammenfassung des Wesentlichen gekommen", wie er dies selbst an I. B. Neumann gerichtet beschreibt, ein wunderbares Ordnen der Fülle an Erscheinungen. (Mario von Lüttichau) - Vereinzelte winzige Retuschen.
Zuschlagspreis: 400.000 €