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Alle Werke (475)
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Modersohn-Becker, Paula
(Dresden 1876 - 1907 Worpswede)
o.T. (Brustbild einer Bäuerin mit Haube). Kohle auf Papier. 1903/04. 20 x 19,5 cm, im Passepartout freigestellt. Unter Glas gerahmt.

Wir danken Herrn Wolfgang Werner für die Bestätigung der Authentizität. Das Werk wird in das von der Paula-Modersohn-Becker-Stiftung bearbeitete Werkverzeichnis der Zeichnungen aufgenommen. - Ausgestellt und abgebildet in: Paula Modersohn-Becker: Pionierin der Moderne. Bremen, Paula Modersohn-Becker Museum, 2010, S. 135.- Das Motiv der Bäuerin zieht sich durch das gesamte Werk von Paula Modersohn-Becker und belegt somit ihren künstlerischen Werdegang von einer akademischen, naturalistischen Malweise bis hin zu einer eigenen, expressiven Ausdrucksform. Die heute unbestritten mutige "Pionierin der Moderne" erarbeitete sich um die Jahrhundertwende in der Worpsweder Künstlerkolonie und während verschiedener Paris-Aufenthalte, die zu ihrer Auseinandersetzung mit der damaligen französischen Avantgarde führten, eine "vibrierende Einfachheit" des Malens. Zeitlebens versuchte sie stilistisch zu einem reduzierten aber umso konzentrierteren und wahrhaftigeren Ausdruck ihrer Bilder zu gelangen. So schrieb sie: "Die große Einfachheit der Form, das ist etwas Wunderbares. Von jeher habe ich mich bemüht, den Köpfen, die ich malte oder zeichnete, die Einfachheit der Natur zu verleihen. Jetzt fühle ich tief, wie ich an den Köpfen der Antike lernen kann. Wie sind sie groß und einfach gesehen! Stirn, Augen, Mund, Nase, Wangen, Kinn, das ist alles. Es klingt so einfach und ist doch so sehr, sehr viel." (Tagebuch 25.2.1903, zitiert nach: Pionierin der Moderne, S. 138f) - Bereits 1898 entstand ein "Bildnis einer alten Frau im Profil nach links" mit einem Tuch oder Haarband um den Hinterkopf (siehe Galerie Wolfgang Werner). Das Motiv dieser noch vollkommen dem Abbild verbunden Kohlezeichnung wird spätestens 1903 in einer Leinwand "Sitzende alte Bäuerin" (Kunstmuseum Basel) wieder aufgenommen und als Porträt im Profil vor dunklem Hintergrund nach links schauend in Szene gesetzt. Zudem porträtierte Modersohn-Becker in diesen Jahren zahlreiche Bauern, Alte und Kinder des Armenhauses, das sich gegenüber ihrem Wohnhaus befand, wie "Sitzende Bäuerin mit Kind auf dem Schoß" und "Bäuerin mit Kind, im Hintergrund ein Reiter" und andere Arbeiten belegen, in denen wiederum Frauen mit weißer Haartracht vor einer Heidelandschaft mit Bäumen auftauchen. Damit öffnete die Künstlerin den Hintergrund in die natürliche Landschaft und verortete ihre Figuren im heimatlichen Umfeld. In unserer Zeichnung bilden zwei stilisierte Bäume den rahmenden Hintergrund und exakt dieser Bildausschnitt ist dann im Gemälde "Alte Bäuerin" von 1905 der Kunsthalle zu Kiel wiederzufinden. Im gleichnamigen Gemälde der Hamburger Kunsthalle von 1906, wo die Bäuerin mit vor der Brust gekreuzten Armen in flammender Farbigkeit dargestellt ist, sollte diese Motiv-Serie dann ihren krönenden Abschluss finden. - Vorliegende Zeichnung ist Bindeglied zu dieser finalen Form. Sie zeigt mit welcher Radikalität die Künstlerin das Motiv vereinfachte und auf gerundete Formen reduzierte, um so den gewünschten Ausdruck zu erzielen, der der Wiedergabe des inneren Erlebens den Vorzug gibt.
Schätzpreis: 9.000 €