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Auktion 65: 24. Oktober 2026
ab 12 Uhr
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Los 288 aus unserer Herbstauktion am 24. Oktober 2026

Hans Ticha
(Tetschen-Bodenbach 1940 – lebt in Maintal)

Lederkopf II. Öl auf Leinwand. 1982. 80,5 x 56 cm. Gerahmt.
Signiert u. datiert.

Ticha 82/10 – Provenienz: Atelier des Künstlers; Privatsammlung Plauen, seitdem in Familienbesitz. Wir danken Herrn Ticha für die freundlichen Auskünfte zur Provenienz.

Hans Tichas “Lederkopf II” entstand in einer Phase zunehmender gesellschaftlicher Erstarrung der DDR. Während ideologische Kontrolle und die Regulierung des öffentlichen Diskurses den Alltag bestimmten, bewegten sich Künstler in einem Spannungsfeld zwischen Konformität und verdeckter Kritik. Da offene Opposition kaum möglich war, entwickelten viele Kunstschaffende metaphorische Bildsprachen. Ticha wählte hierfür eine besonders raffinierte Strategie: Seine Werke erscheinen auf den ersten Blick dekorativ, kühl konstruiert und formalistisch, entfalten jedoch bei näherer Betrachtung eine präzise Analyse autoritärer Systeme.
Der Lederkopf wird dabei zum Sinnbild des Menschen innerhalb eines repressiven Gefüges. Lederriemen und Schnallen suggerieren Disziplinierung und Fixierung; das Haupt wirkt nicht lebendig, sondern wie ein aus Einzelteilen zusammengesetztes Objekt, dessen Form von außen bestimmt wird. Besonders eindringlich wirkt der über den Mund gelegte Riemen. Gerade weil die Fesselung ohne sichtbare Gewalt oder Pathos dargestellt wird, entfaltet das Bild seine eigentliche Wirkung: Ticha beschreibt die subtilen Mechanismen stiller Selbstzensur. Der Mund ist nicht vernäht, sondern zugeschnallt – ein starkes Symbol für kontrolliertes Sprechen und konditioniertes Schweigen. Ergänzt wird diese Reflexion über die Sprachlosigkeit durch fragmentierte Buchstaben, die – ihrer Funktion beraubt – die Typografie zum rein grafischen Zeichen degradieren.
Einen bewussten Kontrast zur zentralen Figur bildet der weiße Gipskopf am rechten oberen Bildrand. Als Zitat antiker Gipsabgüsse steht er für das humanistische Ideal des freien Menschen, erscheint bei Ticha jedoch wie ein museales, lebloses Relikt. Dass sowohl dieser Repräsentant geistiger Freiheit als auch die menschliche Hand an den Rand gedrängt sind, unterstreicht die bittere Pointe der Komposition: Selbstbestimmtes Denken und Handeln werden zur Randerscheinung, während die deformierte Hülle das Zentrum besetzt. Die klare geometrische Formensprache verweist zudem auf das Erbe des Bauhauses, dessen gesellschaftliche Utopien im Kontext der frühen 1980er Jahre gebrochen wirken.
Tichas intensive Beschäftigung mit dem Motiv zeigt sich auch in seinen zeitgleich entstandenen dreidimensionalen Objekten aus echtem Leder. Die Materialität erinnert an Sportgeräte wie Boxsäcke oder Fußbälle – Objekte, die darauf ausgelegt sind, Schläge aufzunehmen und bearbeitet zu werden, ohne Schmerz zu zeigen. Der menschliche Körper wird so als widerstandsfähige, aber entindividualisierte Hülle greifbar.
In dieser glatten, beinahe spielerisch wirkenden Ästhetik liegt die besondere Qualität von Tichas Kunst. Die Kälte der Kontrolle verbirgt sich hinter einer scheinbar harmlosen Oberfläche. “Lederkopf II” formuliert seine Kritik nicht laut, sondern durch Reduktion und Ironie. Gerade deshalb zählt er zu einer der eindrucksvollsten Arbeiten der deutschen Nachkriegsmoderne.

Schätzpreis: 12.000 €

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