Los 313 aus unserer Frühjahrsauktion am 25. April 2026
Piazza della Signoria. Öl auf Leinwand. 1971. 57,5 x 48,2 cm. Gerahmt.
Signiert u. datiert.
Schulze 116 – Mit “Piazza della Signoria” schlägt Werner Tübke eine Brücke zwischen meisterhafter Handwerklichkeit und reflektierter Zeitkritik, zwischen Renaissance-Tradition und der ästhetischen Moderne des 20. Jahrhunderts. Das Gemälde steht paradigmatisch für einen Schlüsselmoment in Tübkes künstlerischer Entwicklung: seine Italienreise des Jahres 1971, die nicht nur als biografisches Ereignis, sondern als institutioneller Wendepunkt zu verstehen ist. In Folge einer Einladung zu seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie des Mailänder Kunsthändlers Emilio Bertonati unternahm der Künstler 1971 seine erste Reise nach Italien. Diese Schau, die aus heutiger Sicht als internationaler Durchbruch Tübkes interpretiert wird, setzte wichtige Impulse für seine Rezeption über die Grenzen der DDR hinaus. Bertonati, an Kunst “jenseits des westeuropäischen Mainstreams” interessiert, hatte bereits zuvor Kontakt sowohl zu ostdeutschen Künstlern als auch zu Vertretern des Kulturministeriums aufgenommen und dabei Tübkes Werk kennengelernt. In einem zähen Aushandlungsprozess zwischen dem Ministerium für Kultur und dem Galeristen wurde ein Ausstellungskonzept abgestimmt, das einerseits politisch-historisch motivierte Arbeiten berücksichtigte, andererseits aber auch jene Werke zeigte, die Tübkes eigener künstlerischer Vision besonders nahestanden.
Italien selbst, mit seinen Städten des Quattro- und Cinquecento, war für Tübke weit mehr als ein touristischer Reiseort: Er besuchte Orte wie Florenz, Mailand, Venedig, Rom, Sizilien und Capri mehrfach – allein bis 1980 mindestens sechsmal. Die intensive Auseinandersetzung mit der dortigen Architektur und Plastik, insbesondere der klassischen Renaissance, wurde für Tübkes visuelle Sprache nachhaltig prägend.
In “Piazza della Signoria” ist diese Auseinandersetzung sowohl motivisch als auch formal präsent: Der florentinische Platz wird nicht als Vedute gezeigt, sondern als kunsthistorisch kondensierter Raum, in dem Renaissanceplastik und zeitgenössische Menschenfiguren zu einer komplex geschichteten Bildszenerie verschränkt werden. Skulpturenzitate, Klassiker von Baccio Bandinelli oder Cellini, stehen nebeneinander, nicht ideal harmonisch, sondern museal, bedeutungsoffen, fragmentarisch. Der Platz wird zur Bühne, auf der Geschichte, Macht und Präsenz verhandelt werden und Vergangenheit und Gegenwart in einen offenen Dialog treten.
Die Figuren, zeitgenössisch gekleidet, treten nicht in eindeutige narrative Bezüge zueinander, sondern erscheinen als individualisierte Typen – Flaneure, Uniformträger, beiläufige Passanten – die gleichzeitig Repräsentanten gesellschaftlicher Rollen und symbolische Platzhalter historischer Konstellationen sind. So wird der Platz zu einem imaginären “Marktplatz der Zeiten”, auf dem ideelle und politische Muster sicht- und begehbar werden.
“Piazza della Signoria” ist mehr als ein historisches Sujetbild; es ist ein Reflexionsraum über Geschichte, Macht und Wahrnehmung. Tübkes Italienreise 1971 markiert dabei nicht nur einen externen Ausstellungsanlass, sondern einen internen Entwicklungsprozess: die bewusste Auseinandersetzung mit dem kunsthistorischen Erbe und seine produktive Integration in eine zeitgenössische Bildsprache. In dieser Verdichtung von Erfahrung, Theorie und Malerei liegt die nachhaltige Bedeutung dieses Werks – sowohl für Tübkes eigene Werkbiografie als auch für die internationale Wahrnehmung der ostdeutschen Kunst der 1970er Jahre.
Schätzpreis: 40.000 €
Bitte registrieren Sie sich oder melden Sie sich an, um diese Funktion zu nutzen.