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Glöckner, Hermann

(Dresden 1889 - 1987 Berlin)

Glöckner, Hermann
(Dresden 1889 - 1987 Berlin)
Kleiner sechszackiger Stern in Rot, Gelb und Blau auf Schwarz. Tafel. Lack über Tempera u. Papiercollage auf schwarz grundierter Pappe. Um 1933-35. 49,8 x 35 x 0,3 cm.
Die Rückseite mit Papier bezogen u. schwarz grundiert sowie mit Künstlermonogramm versehen (geprägt). Bezeichnet mit der Negativnummer "149/8a".

Dittrich Tafel 82 - Innerhalb der ungegenständlichen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts nimmt Hermann Glöckner mit seinem Tafelwerk eine Sonderposition ein. Abseits verbindlicher ästhetischer Dogmen ließ er sich von einem experimentellen, forschenden Erkunden bildnerischer Möglichkeiten leiten. Statt einer strengen konstruktiven Formgrammatik, wie sie etwa Kasimir Malewitsch, El Lissitzky oder László Moholy-Nagy entwickelten, fügte Glöckner seinen mathematisch fundierten Konstruktionen häufig Kontrapunkte hinzu, die von materiellen und nicht vollständig vorhersehbaren Vorgängen zeugen. Die um 1930 entwickelte Sternform, die der Künstler auch als "Verschränkung von zwei Winkeln" bezeichnete, gilt als eines der Hauptmotive seiner Tafeln. - Unsere zwischen 1933 und 1935 entstandene Tafel führt dieses Prinzip mit äußerster Konzentration vor. Auf einem annähernd schwarzen, rechteckigen Binnenfeld erscheint eine aus drei farbigen Linienzügen gebildete Sternfigur. Rot markiert eine waagerechte und eine senkrechte Achse, während Gelb und Blau zwei schräg gestellte, spitzwinklige Formen beschreiben. Erst durch deren Überschneidung entsteht der Eindruck eines sechszackigen Sterns. Die Form ist nicht als geschlossene Silhouette gegeben, sondern muss vom Auge aus Linien, Richtungen und Schnittpunkten zusammengesetzt werden. Glöckner zeigt weniger einen Stern als vielmehr den Vorgang seiner Entstehung. - Bewusst vermeidet Glöckner die vollkommene Symmetrie. Die Zacken sind unterschiedlich lang, die Winkelfiguren gegeneinander verschoben und die Achsen nicht in einem einzigen Mittelpunkt gebündelt. Diese kontrollierte Unregelmäßigkeit verleiht der Konstruktion ihre Spannung. Die horizontale rote Linie stabilisiert das Gefüge, während die vertikale es nach oben und unten aufspannt. Gelb steigt steil empor und verläuft anschließend diagonal nach rechts; Blau entwickelt eine gegenläufige Bewegung, die von links ansteigt und scharf nach unten abknickt. Die statische Sternform verwandelt sich so in ein dynamisches System aus Kräften, Richtungen und räumlichen Beziehungen. - Die drei nahezu unvermischten Grundfarben Rot, Gelb und Blau heben sich leuchtend vom schwarzen Grund ab. Farbe füllt hier keine Flächen, sondern wird selbst zur konstruktiven Linie. Die farbliche Unterscheidung macht die Bestandteile der Figur nachvollziehbar und zeigt zugleich, wie aus ihrer Überlagerung eine neue Gestalt hervorgeht. Das Schwarz erzeugt einen unbestimmten Tiefenraum, in dem die Linien zu schweben und sich zugleich in die Fläche einzuschreiben scheinen. - Durch mathematische Klarheit, handwerkliche Unmittelbarkeit und elementare Farbsetzung mit bewegter Raumwirkung erscheint unser Stern weder als dekoratives Ornament noch als eindeutig symbolisch aufgeladenes Zeichen, sondern als Modell eines Denkens in Beziehungen. - Leichte Gebrauchsspuren sowie stellenweise Retuschen.
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