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Hubbuch, Karl
(1891 Karlsruhe 1979)
Hubbuch, Karl
(1891 Karlsruhe 1979)
Atelierstilleben mit Hase. Bleistift auf chamoisfarbenem Karton. 1920er Jahre. 50,5 x 38,5 cm, unter Passepartout.
Signiert.
Karl Hubbuchs Stilleben ist weit mehr als eine nüchterne Atelieransicht. Die Zeichnung entwirft ein schonungsloses Bild der Wirklichkeit in der Zwischenkriegszeit und spiegelt die politische und gesellschaftliche Desillusionierung der 1920er Jahre wider. Im Zentrum liegt ein toter Hase, reglos und mit verschnürten Beinen auf dem Arbeitstisch ausgebreitet - ein Motiv, das sich der traditionellen Ästhetisierung des Jagdstillebens bewusst entzieht. Statt dekorativer Anordnung begegnet dem Betrachter ein Körper, der der Gewalt der Realität ausgeliefert ist. So kann der tote Hase als Sinnbild für das verletzte, ausgelieferte Individuum in einer Zeit politischer Instabilität, wirtschaftlicher Unsicherheit und sozialer Verwerfungen gelesen werden. In der Weimarer Republik war das Versprechen von Fortschritt und Rationalität brüchig geworden; an seine Stelle trat eine Erfahrung von Kontrollverlust. Hubbuch überträgt diese Erfahrung in den Raum seines Karlsruher Ateliers, der hier nicht als geschützter Ort künstlerischer Autonomie erscheint, sondern als Schauplatz der Konfrontation mit einer beschädigten Welt. Gerade vor dem zeitlichen Hintergrund der späten 1920er Jahre lässt sich die Einbeziehung der englischsprachigen Zeitung als bewusst gesetzter politischer Verweis lesen. Karl Hubbuch integriert mit der fragmentierten Schlagzeile nicht zufällig ein internationales, englisches Presseerzeugnis in den Atelierraum. In einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen Deutschland und England zwar formal friedlich, jedoch von den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs, von Reparationsfragen, wirtschaftlicher Abhängigkeit und politischem Misstrauen geprägt war, fungiert die Zeitung als Zeichen einer ungelösten Nachkriegsordnung. Hubbuchs präzise, sachliche Linienführung und formale Strenge macht die Zeichnung politisch. Sie folgt dem Prinzip der Neuen Sachlichkeit, die nicht kommentiert, sondern entlarvt. Die Kälte der Darstellung ist keine emotionale Distanz, sondern eine Strategie der Zuspitzung: Das Gezeigte wird nicht entschärft, sondern in seiner Unbequemlichkeit festgehalten. Hubbuch zeigt seine gegenwärtige Situation nicht als Beobachter außerhalb der politischen Realität, sondern als Teil eines Systems, das er nüchtern analysiert - ohne Pathos, ohne Erlösung, ohne Illusion. - Gezeichnet auf zwei unterschiedlich großen vom Künstler horizontal zusammengefügten Kartonbögen. Insgesamt leichte Lager- und Alterungsspuren.
(1891 Karlsruhe 1979)
Atelierstilleben mit Hase. Bleistift auf chamoisfarbenem Karton. 1920er Jahre. 50,5 x 38,5 cm, unter Passepartout.
Signiert.
Karl Hubbuchs Stilleben ist weit mehr als eine nüchterne Atelieransicht. Die Zeichnung entwirft ein schonungsloses Bild der Wirklichkeit in der Zwischenkriegszeit und spiegelt die politische und gesellschaftliche Desillusionierung der 1920er Jahre wider. Im Zentrum liegt ein toter Hase, reglos und mit verschnürten Beinen auf dem Arbeitstisch ausgebreitet - ein Motiv, das sich der traditionellen Ästhetisierung des Jagdstillebens bewusst entzieht. Statt dekorativer Anordnung begegnet dem Betrachter ein Körper, der der Gewalt der Realität ausgeliefert ist. So kann der tote Hase als Sinnbild für das verletzte, ausgelieferte Individuum in einer Zeit politischer Instabilität, wirtschaftlicher Unsicherheit und sozialer Verwerfungen gelesen werden. In der Weimarer Republik war das Versprechen von Fortschritt und Rationalität brüchig geworden; an seine Stelle trat eine Erfahrung von Kontrollverlust. Hubbuch überträgt diese Erfahrung in den Raum seines Karlsruher Ateliers, der hier nicht als geschützter Ort künstlerischer Autonomie erscheint, sondern als Schauplatz der Konfrontation mit einer beschädigten Welt. Gerade vor dem zeitlichen Hintergrund der späten 1920er Jahre lässt sich die Einbeziehung der englischsprachigen Zeitung als bewusst gesetzter politischer Verweis lesen. Karl Hubbuch integriert mit der fragmentierten Schlagzeile nicht zufällig ein internationales, englisches Presseerzeugnis in den Atelierraum. In einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen Deutschland und England zwar formal friedlich, jedoch von den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs, von Reparationsfragen, wirtschaftlicher Abhängigkeit und politischem Misstrauen geprägt war, fungiert die Zeitung als Zeichen einer ungelösten Nachkriegsordnung. Hubbuchs präzise, sachliche Linienführung und formale Strenge macht die Zeichnung politisch. Sie folgt dem Prinzip der Neuen Sachlichkeit, die nicht kommentiert, sondern entlarvt. Die Kälte der Darstellung ist keine emotionale Distanz, sondern eine Strategie der Zuspitzung: Das Gezeigte wird nicht entschärft, sondern in seiner Unbequemlichkeit festgehalten. Hubbuch zeigt seine gegenwärtige Situation nicht als Beobachter außerhalb der politischen Realität, sondern als Teil eines Systems, das er nüchtern analysiert - ohne Pathos, ohne Erlösung, ohne Illusion. - Gezeichnet auf zwei unterschiedlich großen vom Künstler horizontal zusammengefügten Kartonbögen. Insgesamt leichte Lager- und Alterungsspuren.
Schätzpreis: 3.000 €
