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Burchartz, Max

(Elberfeld 1887 - 1961 Essen)

Burchartz, Max
(Elberfeld 1887 - 1961 Essen)
Lüneburger Trinker (Selbstbildnis). Öl über Graphit auf Leinwand. 1920. 77 x 58,5 cm. Gerahmt.
Monogrammiert u. datiert. Verso signiert, datiert, betitelt u. bezeichnet "Bild 36". Der Keilrahmen verso mit einem Etikett der Galerie Flechtheim, dort handschriftlich nummeriert "2950".

Provenienz: Privatsammlung Erfurt. - Ausgestellt in: Max Burchartz. Bildwerke von Rudolf Belling. Düsseldorf, Galerie Alfred Flechtheim, 1920, Katalog-Nr. 76. - In unserem 1920 entstandenen Gemälde verbindet Max Burchartz ein repräsentatives Figurenbild mit einer bühnenhaft verdichteten Stadt- und Wasserlandschaft. Ein elegant gekleideter junger Mann, vermutlich der Künstler selbst, sitzt dicht an die vordere Bildebene gerückt. Dunkler Anzug, weißes Hemd und schmale Fliege verleihen ihm eine betont urbane Erscheinung. In der erhobenen Hand hält er ein Stielglas, während die andere auf einer hellen Tischfläche ruht, auf der ein einzelner Fisch zu sehen ist. Dieses ebenso alltägliche wie rätselhafte Motiv führt die Darstellung über die Grenzen des konventionellen Porträts hinaus. - Dabei wird nahezu die gesamte Komposition durch die Figur beherrscht. Ihr schmaler Kopf mit stark konturierter Nase und mandelförmigen Augen ist nicht naturalistisch modelliert, sondern aus kantig gegeneinandergesetzten Flächen aufgebaut. Der konzentrierte, zugleich distanzierte Blick richtet sich unmittelbar auf den Betrachter. Erscheinung und Inszenierung legen nahe, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ein Selbstbildnis des damals 33-jährigen Künstlers handelt. Burchartz zeigt sich weniger als Privatperson denn als stilisierte Künstlerfigur: weltläufig, melancholisch und aufmerksam, angesiedelt zwischen gesellschaftlicher Präsenz und innerer Absonderung. - Hinter dem Dargestellten entfaltet sich ein in mehrere Zonen gegliederter Bildraum. Steil aufragende Backsteinbauten, Giebel, Mauern und Geländer erinnern an das historische Stadtbild Lüneburgs, ohne einen topografisch eindeutig bestimmbaren Ort wiederzugeben. Rechts gleitet ein Segelboot über das Wasser; sein Insasse wirkt wie eine verkleinerte Wiederholung oder ein fernes Gegenbild des Trinkers. Abrupte Größenwechsel und die steil nach oben geklappte Raumkonstruktion setzen die Regeln der Zentralperspektive außer Kraft. An ihre Stelle tritt eine simultane, aus unterschiedlichen Blickpunkten zusammengesetzte Darstellung. - Formal bewegt sich das Werk an der Schnittstelle von Expressionismus und kubistisch geprägter Flächenkunst. Kräftige Konturen grenzen die Motive voneinander ab und fügen sie zu einem rhythmischen Gefüge aus Dreiecken, Rechtecken und gebrochenen Kurven. Besonders deutlich zeigt sich diese geometrische Ordnung in den Segeln, Dächern, der Tischplatte und dem Geländer. Die gedämpfte Farbigkeit aus Weinrot, Braun, Grau, Schwarz und milchigem Grünblau erzeugt eine entrückte Atmosphäre. Gesicht, Hemd, Tisch und Segel treten als helle Akzente aus dem dunkleren Umfeld hervor. Der sichtbar belassene, stellenweise spröde Farbauftrag unterstreicht dabei die materielle Beschaffenheit der Malerei. - Auch inhaltlich ist die Komposition von Gegensätzen bestimmt: Wein und Fisch, Stadt und Wasser, Nähe und Ferne, Ruhe und Bewegung. Glas und Fisch können zunächst als Bestandteile einer Mahlzeit verstanden werden, verfügen jedoch zugleich über eine lange religiöse und allegorische Bedeutungsgeschichte. Eine eindeutige symbolische Deutung erscheint hier dennoch zu eng. Vielmehr wirken beide Gegenstände wie isolierte Zeichen, die eine Atmosphäre zwischen Bohème, existenzieller Selbstbefragung und moderner Stadterfahrung hervorrufen. Der Titel "Lüneburger Trinker" weist dem Dargestellten eine soziale Rolle zu und ist eine Reflexion über Identität und künstlerische Selbstinszenierung. - Das Werk entstand in einer entscheidenden Phase von Burchartz' Laufbahn. Nach dem Ersten Weltkrieg fand er Anschluss an avantgardistische Kreise und stand von 1919 bis 1921 bei Alfred Flechtheim unter Vertrag. Bereits im Entstehungsjahr wurde der Lüneburger Trinker in dessen Düsseldorfer Galerie ausgestellt und damit einem überregionalen Publikum im Umfeld des Expressionismus und der jungen rheinischen Moderne präsentiert. Das rückseitig erhaltene Flechtheim-Etikett mit der Inventarnummer 2950 dokumentiert diese frühe Galeriezugehörigkeit. - Wenig später wandte sich Burchartz unter dem Einfluss von De Stijl und dem Konstruktivismus einer strengeren, zunehmend gegenstandsfernen Gestaltung zu und erlangte als Typograf, Fotograf und Wegbereiter der Neuen Sachlichkeit Bedeutung. Der "Lüneburger Trinker" steht am Vorabend dieses Umbruchs: Seine geometrische Anlage nimmt das spätere Interesse des Künstlers an der systematischen Organisation von Fläche, Farbe und visuellen Zeichen vorweg, verbindet dieses jedoch noch mit der psychologischen Intensität des expressionistischen Menschenbildes. - Stellenweise Craquelé. Vereinzelte winzige Farbverluste. Ein kleines Löchlein.
Schätzpreis: 8.000 €