Margarete Kubicka

(1891 – 1984)

Ausstellung vom 3. Dezember 2021 bis zum 21. Januar 2022

Margarete Kubicka – Künstlerin und Widerstandskämpferin – unterzog sich aus Protest gegen die bürgerliche Norm des Elternhauses und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten und existenzsichernden Beruf zunächst einer Ausbildung als Kunsterzieherin und Sportlehrerin an der Königlichen Kunstschule zu Berlin, wo sie ihren späteren Ehemann, den deutsch-polnischen Maler, Schriftsteller und Dichter Stanislaw Kubicki, kennenlernte. Das Künstlerpaar wirkte in einer entscheidenden Zeit gesellschaftlichen Wandels und gehörte zu jenen Künstlern, die die Entwicklung der modernen Kunst in den 20er und 30er Jahren sowohl in Deutschland als auch in Polen stark prägten.

  • Leben und Werk

    Margarete Kubicka wurde von Sohn Karol Kubicki (1926-2019) rückblickend als das Haupt der Familie beschrieben. Durch ihre Tätigkeit als Lehrerin versorgte sie die Familie finanziell und ermöglichte ihrem Mann, schon vor der Ehe, das Ausleben seines künstlerischen Schaffens. Schon früh künstlerisch und politisch aktiv war sie gemeinsam mit Stanislaw 1918 Gründungsmitglied der polnischen Expressionistengruppe BUNT (dt. Revolte), stellte den Kontakt zur literarisch-politischen Zeitschrift AKTION her, die der Gruppe daraufhin ein Sonderheft widmete, und vertrat stark ihre eigenen pazifistischen und linkskommunistischen Vorstellungen. Die 20er waren für das Künstlerpaar geprägt von der Organisation der Internationalen Ausstellung revolutionärer Künstler, der Gründung der anarchistisch orientierten Gruppe Kommune gemeinsam mit Franz W. Seiwert, Heinrich Hoerle, Jankel Adler und Otto Freundlich, der Mitgliedschaft in der rheinischen Gruppe progressiver Künstler und dem Umzug der Familie in die vom Architekten Bruno Taut geplante Hufeisensiedlung in Britz.

    Während der Nazizeit hatte Kubicka nur wenig Zeit für künstlerische Arbeiten. Das faschistische Regime der Nationalsozialisten erzwang 1933 ihre Strafversetzung nach Tempelhof und 1934 die Flucht Stanislaw Kubickis nach Polen. Trotz wiederholter Durchsuchung des Hauses und teilweiser Zerstörung von Kunstwerken durch die SA unterstützte Kubicka antifaschistische Organisationen, versorgte polnische Zwangsarbeiter und sich illegal in Berlin aufhaltende Freunde mit Essen, half Mitgliedern von Widerstandsbewegungen bei der Flucht aus Deutschland und versuchte mit allen Mitteln die sich im Haus befindliche Kunst ihres Mannes und befreundeter Künstler zu schützen. Stanislaw Kubicki wurde, nach einer aus Angst vor politischer Verfolgung vollzogenen Scheidung von Kubicka 1937, 1942 von der Gestapo in Warschau ermordet.

    Das Ende des NS-Regimes brachte für Margarete Kubicka die Position der ersten Neuköllner Schulrätin im April 1945 und markierte den Neubeginn ihres künstlerischen Schaffens, indem sie zu neuen Formen fand – zu allegorischen und mythologischen Retrospektiven, die häufig von der erlebten Menschheitskrise geprägt waren. In den mit der Transparenz der Farbe bestechenden Aquarellfolgen Kubickas ist das Dargestellte häufig nur dank der Bezeichnungen der Künstlerin selbst identifizierbar, oft in Form eines Titelkommentars, der die Lesart der zumeist abstrahierten Bildmotive anregt. Durch die thematisch zusammengehörigen Werke in Folge schaffte sie eine sich an den Charakter der Literatur annähernde Art der Erzählung in Bildern, in der das Zeitliche besondere Bedeutung erhält und in der sowohl anthroposophische sowie christliche und pantheistische Elemente zu finden sind.

  • Biografie

    1891 – am 20. Juni als Margarete Schuster in Berlin geboren

    1911-1913 – Teilnahme am Lehrerinnenseminar an der Königlichen Kunstschule zu Berlin mit dem Ziel Zeichenlehrerin zu werden

    1916 – Heirat mit dem deutsch-polnischen Künstler Stanislaw Kubicki am 22. Dezember

    Um 1914-1919 – Für kurze Zeit Mitglied des Spartakusbundes

    1918 – Teilnahme an einer Ausstellung der Gruppe BUNT in Posen, deren Gründungsmitglied sie ist, sowie der von der Zeitschrift AKTION organisierten Ausstellung der Gruppe in Berlin mit fünf Ölbildern, drei Aquarellen und zwei Holzschnitten

    1919 – Geburt der Tochter Janina. Bekanntschaften mit Otto Dix, Conrad Felixmüller, George Grosz und Johannes Baader

    1920er – Neue Stelle als Kunsterzieherin am Kaiser-Friedrich-Realgymnasium in Neukölln

    1922 – In zwei Manifesten festgehaltene Proteste gegen den „schlammigen Opportunismus“ der allzu etablierten Künstlergruppen anlässlich der 1. Internationalen Kunstausstellung und eines mit ihr verbundenen Kongresses der Union Internationaler Fortschrittlicher Künstler. Organisation der Ausstellung Internationale Ausstellung revolutionärer Künstler. Gründung der Gruppe Kommune mit Stanislaw Kubicki, Franz W. Seiwert, Heinrich Hoerle, Jankel Adler und Otto Freundlich

    1923 – Mitglied der rheinischen Gruppe progressiver Künstler

    1926 – Geburt des Sohnes Stanislaw Karol

    1927 – Umzug der Familie in die Hufeisensiedlung, Britz

    1930 – Teilnahme an der Ausstellung der Kölner Progressiven in Chicago

    1933 – Maßregelung und Strafversetzung nach Tempelhof durch die faschistische Behörde

    1934 – Flucht des Ehemannes Stanislaw Kubicki nach Polen und Mithilfe bei der Flucht von Zenzl Mühsam aus Deutschland

    1937 – Scheidung von Stanislaw Kubicki aus Angst vor politischer Verfolgung

    1942 – Ermordung von Stanislaw Kubicki durch die Gestapo in Warschau

    Ca. 1945-1956 – Lehrtätigkeit an der Tempelhofer Luise-Henriette-Oberschule

    1984 – gestorben am 18. Juli in Berlin